Buchbesprechung Utopien für Realisten

Ein Buch, das für mich zur Pflichtlektüre der heutigen Zeit gehört. Das kann ich schon mal vorwegschicken. Ich betrachte dieses Buch nicht romantisiert und denke, dass alles darin Gold ist und wir genau danach handeln müssen. Das sollte niemand mit keinem Buch tun. Dennoch halte ich die gesammelten Studien und Gedanken für eine solide Grundlage, um bei den Themen Grundeinkommen, 15-Stunden-Woche und offene Grenzen informiert zu sein. Oder zu beginnen sich darum Gedanken zu machen. Denn in einem stimme ich dem Autor absolut und zu 100% überein: Die Probleme unserer heutigen Welt sind andere als noch im Mittelalter, da wir im Land des Überflusses leben und sie könnten gleichzeitig durch eine Umstellung des Systems gelöst werden.

Aber beginnen wir am Anfang

Ich kaufe Bücher oft nach ihrem Cover. Wenn mich der Titel anspricht, drehe ich manchmal noch um, aber meistens ist die Kaufabsicht bei Betrachtung des Covers schon beschlossene Sache und die Zusammenfassung hinten zu lesen nur noch eine Bestätigung dessen. In den seltensten Fällen lege ich ein Buch wieder zurück, weil der Klappentext ganz und gar nicht zu dem gepasst hat, was der Titel mir versprach. Bei „Utopien für Realisten“ von Rutger Bregman geschah etwas ganz bemerkenswertes, was mir so auch noch nicht begegnet war: Ich bin so in meiner agilen Welt, dass ich bei offenen Grenzen und 15-Stunde-Woche gar nicht darauf gekommen bin, dass wir uns über ökonomische und politische Themen unterhalten werden, sondern dachte an eine effiziente Arbeitsweise und Führungskräfte auf Augenhöhe. Erst während des Lesens fiel mir auf, wie sehr meine kognitive Dissonanz, später mehr zu diesem Begriff, meine Beurteilung der Themen in diesem Buch beeinflusst hat.

Die Utopien für Realisten

Wie oben angesprochen dreht sich das Buch um drei Themen: die 15-Stunden-Woche, das bedingungslose Grundeinkommen und offene Grenzen, wobei alle Themen ineinander verwoben sind und auf interessante Weise aufeinander einzahlen. Ich kann jetzt schon vorwegschicken, dass meine Herausnahme aus dem Buch eine überaus subjektive ist, da ich die stark politischen Themen nur am Rande anreißen werde. Mein Blog und damit auch meine Besprechung ist nicht ein politisch angehauchter Blog. Mir geht es immer darum, was ich für mich und mein Leben aus einem Buch, einem Artikel, einem Workshop ziehen kann. Für klassische Buchbesprechungen wendet euch bitte an andere Stellen. Auch werde ich nicht über das Buch an sich urteilen.

Das Land des Überflusses

Rutger Bregman vertritt die Meinung, dass wir im Überfluss leben und keine Utopie mehr besitzen. Während die Menschen im Mittelalter durchweg über Jahrhunderte ein schlechtes Leben führten und von einem Schlaraffenland träumten, so leben wir heute in einem. „Wir führen ein gutes Leben, was nahezu jedermann Wohlstand, Sicherheit und Gesundheit beschert. Nur eines fehlt uns: ein Grund, am Morgen aus dem Bett zu steigen. Denn im Paradies gibt es kaum noch etwas zu verbessern.“ Ich erinnere mich an meine Abschlussprüfung an der Uni vor 8 Jahren, als ich mich mit meinem Dozenten darum stritt, dass ich meinte, dass in der Welt nichts passiert, dass wir eine Generation ohne Identität seien, weil wir keine Aufgabe haben. Er sah das anders. Was ich, Jahre später, auch verstehen kann. Er, da bin ich mir sicher, wird auch heute meinen Standpunkt besser verstehen als damals. Den es freut mich, jemandem wie Rutger Bregman literarisch begegnet zu sein, der meine Meinung teilt. Denn er sieht das Problem unserer Generation ebenfalls darin, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können. Dass wir alles haben.

Du willst es als Erste wissen?

Bleibe immer auf dem Laufenden, welche Bücher ich bespreche, wie sie mein Denken verändern und was ich für das agile Mentoring darausziehe. Melde dich jetzt zu meinem Cleverletter an.

Die Knappheit – unser psychisches Problem

Ein voller Terminkalender, keine Zeit für Freunde, Familie, soziale Aktivitäten und ein hoher Druck Ziele in einem, wie Rutger Bregman ihn nennt, Bullshitjob zu erreichen, machen uns zu schaffen. Freizeit und Work-Life-Balance scheinen die größten Probleme unserer Zeit zu sein, die wir nicht zu lösen bekommen. Diese Knappheit, die knappe Zeit, macht uns psychisch mürbe. Wir verlieren den Halt und landen im Burnout. Wir treffen falsche Entscheidungen, weil wir unsere umfassende Perspektive verlieren. Genau wir Arme. Und hier spannt Rutger Bregman den Bogen zum bedingungslosen Grundeinkommen, indem er sagt, dass Arme durch diese Knappheit an Geld, falsche Entscheidungen treffen, weil die Kapazitäten in ihrem Kopf dazu gebraucht werden, sich zu fragen, wie sie bis zum Ende der Woche ihr Essen zusammenkriegen. Dazu führt er viele interessante Beispiele an, welche Studien und Experimente zu diesem Thema wie gefruchtet haben.

Die 15-Stunden-Woche

Einige der spannendsten Kapitel für mich befinden sich eher Richtung Ende von Utopien für Realisten. Denn klar wird hier, dass schon vor Jahrhunderten Philosophen prophezeiten, dass wir irgendwann Probleme haben, unsere Freizeit zu managen. Sie haben zwar gedacht, dass wir weniger Arbeit haben werden und deswegen dann in unserer Freizeit verderbliche Dinge tun und faul werden. Dabei ist es gar nicht so, dass wir uns mit „Muße und Langeweile“ beschäftigen, sondern dass unsere größten Herausforderungen Stress und Ungewissheit sind. Zwar ist es toll, dass eine gewisse Work-Life-Balance befürwortet wurde, weil es ganz, ganz, ganz früher auch mal eine 7-Tage-Woche gab und mit der Einführung der 40-Stunden-Woche ist das tatsächlich schon zurückgegangen, allerdings ist es mittlerweile eher so, dass Arbeit und Freizeit viel schwieriger voneinander zu trennen sind. Etwa 80-90 Stunden in der Woche verbringt ein Großteil damit, zu arbeiten oder die Arbeit im Auge zu behalten.

Werde zur Macherin

Je nachdem wie du deine Ziele gesetzt hast, können deine To-do-Listen jeweils unterschiedlich ausfallen bzw. sollten sie es auch. Wie du Ziele setzt und warum sie dir helfen, findest du ausführlich in meinem eBook erklärt.

Das wird dein Jahr.

Hast du Probleme damit, deine Ziele und To-dos zu definieren und in einem Trello-Board festzuhalten, melde dich gern zu meinem kostenlosen Planungscall an, indem wir über deine Aufgaben sprechen und ich dir erste Tipps und Tricks gebe.

Frage dich selbst

Ich habe das selbst bei mir gemerkt. Als ich dieses Business gegründet habe, wollte ich so schnell wie möglich vorankommen, so schnell wie möglich meine Ziele erfüllen und so groß wie möglich werden, in kurzer Zeit. Dabei werde ich am Ende meines Lebens nicht sagen: Oh Gott, warum bin ich nicht schneller gewachsen“, sondern ich werde mich fragen, warum ich mir den Stress angetan habe und warum ich mein Leben nicht mehr genossen habe. Nach einem halben Jahr voller Hustle und Müssen bin ich dann einfach runtergefallen. Ich konnte einfach nicht mehr. Dennoch ist mein Business weiter gewachsen. Dennoch habe ich Kunden an Land gezogen. Auch wenn ich nicht jeden Tag proaktiv 50 neue Menschen anschreibe. Auch wenn ich einfach mal einen Sonntag, Sonntag sein lasse. Natürlich wächst das Business langsamer, aber es wächst. Wie Bregman beschreibt ist nicht das Problem, dass wir keine Freizeit möchten, sie ist uns einfach zu teuer. „Wenn wir alle weniger arbeiten, werden wir unseren Lebensstandard verlieren. Aber stimmt das wirklich?“ Das Beispiel Kellogg zeigt, dass ein 6-Stunden-Tag die Produktivität erhöhen kann.

In die Vergangenheit schauen

Die Beispiele der Experimente und Studien stammen teilweise aus anderen Jahrhunderten, aber klar ist, dass sie dabei helfen, die Entwicklungen und Entscheidungen zu verstehen. Dabei ist mir ein Gedanke besonders ins Auge gestochen. Wenn es um das Thema Reflexion geht, sträuben sich viele und fragen sich, warum sie in die Vergangenheit blicken sollen, warum es sich lohnt auch seine Fehler zu betrachten: „Ob wir nun nach neuen Träumen suchen oder alte wiederentdecken: wir können nicht vorankommen, ohne in die Vergangenheit zu blicken. Die Geschichte ist der einzige Ort, an dem das abstrakte konkret wird.“

Denn nur, wenn wir Dinge umsetzen, können wir aus unserem theoretischen Käfig entkommen und tatsächlich sehen, wie etwas funktioniert und wie etwas ausgeht. Du kannst alles zerdenken. Du kannst alle Eventualitäten einplanen, die dir im Abstrakten einfallen, aber du kannst nie 100% sagen, wie es tatsächlich sein wird, bis du es ausprobiert hast. Und darum ist es so wichtig, einfach mal zu machen und einfach eine Entscheidung zu treffen. Fehler helfen dir wiederum voranzukommen, da wir „eine ausreichende Dosis an Verärgerung, Frustration und Unzufriedenheit“ brauchen, um voranzukommen.

Der Wettlauf mit der Maschine

Rutger Bregman behandelt auch die Thematik der Roboter und ihrer Ablösung der menschlichen Arbeitskraft. Dadurch steuern wir auf eine „wachsende Arbeitslosigkeit und Ungleichheit“ zu. Das bedeutet auch für zukünftige Generationen, die ihren Platz in der Welt finden möchten, dass sie sich nicht nur mit Millionen Arbeitskräften auf der ganzen Welt vergleichen müssen, sondern auch gegen Roboter im Bewerbungskampf antreten müssen. Schlimm wird es, wenn die klügsten Köpfe unserer Generation nicht zum Wohle der Menschheit arbeiten, sondern zu Internetfirmen gehen, die eine super Work-Life-Balance versprechen, während sie nur auf Profit aus sind. Wie viele Menschen gibt es, die einen gemeinnützigen Job, der für sie einen Sinn hat, ablehnen, nur weil er schlecht bezahlt ist?

Bregman bringt den Vergleich mit einem Violinisten und einer Kaffeemaschine, den ich hier gern aufgreifen möchte. „Manche Dinge, darunter die Musik, entziehen sich allen Bemühungen um größere Effizienz. Kaffeemaschinen können wir immer schneller und billiger erzeugen, aber ein Violinist kann ein Stück nicht schneller spielen, ohne es kaputtzumachen.“ Das ist auch etwas, das man für sich selbst adaptieren kann. Wo befinden sich die Dinge, die du tatsächlich optimieren, die du tatsächlich effizienter gestalten kannst? Und welche Aktivitäten brauchen eben ihre Zeit? Dies sollte eine Leitfrage für dich sein, um festzustellen, wie du deine Produktivität steigern kannst.

Entwicklungshilfe und Armut

Diese beiden Themen spielen eine zentrale Rolle in Utopien für Realisten und mir fällt dazu immer wieder der Film In Time ein. „Steigende Lebenshaltungskosten werden immer dazu beitragen, dass Menschen sterben. Was soll man sonst mit so vielen Menschen tun? Für die Unsterblichkeit einiger müssen viele sterben.“ Rutger Bregman vertritt die Meinung und bringt dafür auch Belege, dass es viel günstiger wäre, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen geschaffen worden wäre, als die ganze Bürokratie, die ein Obdachloser oder Menschen unterhalb der Armutsgrenze jeden Staat kosten. Teilen ist allerdings so eine Sache und die meisten haben Angst, dass ihnen die Butter vom Brot genommen wird. Rutger möchte den globalen Wohlstand erhöhen, was mit offenen Grenzen und einem Grundeinkommen möglich wäre. „Und zwar um das Tausendfache.“

Kognitive Dissonanz

Dieser Begriff wird erst gegen Ende im Buch verwendet und ist ein sehr interessantes Phänomen, das Leon Festinger 1954 beschrieb. Sie bedeutet folgendes: „Lässt sich die Realität nicht mit unseren tiefsten Überzeugungen in Einklang bringen, so basteln wir uns lieber eine neue Realität, als dass wir unser Weltverständnis korrigieren würden.“ Ich denke jeder von uns kann mit dieser Beschreibung etwas anfangen, da wir das alle schon erlebt haben. Ich selbst nehme mich da nicht aus. Meine Beschreibung, was ich dachte, was ich in diesem Buch finden werde, trifft genau auf die kognitive Dissonanz zu. Und wie oft habe ich eine Meinung, die feststeht, unumstößlich in meinem Inneren thront und selbst durch gegensätzliche Fakten mich eher an der Quelle der Fakten zweifeln lassen, als an meiner Meinung!? Den Begriff so wie seine Erklärung möchte ich gern einfach stehen lassen und es euch überlassen, inwieweit er euch als Anstoß dient und ihr ihn im Gedächtnis behaltet. „Der amerikanische Journalist Ezra Klein erklärt, dass intelligente Menschen ihren Verstand nicht nutzen, um die richtige Antwort zu finden. Sie nutzen ihn, um die Antwort zu finden, die ihnen gefällt.“

Fazit zu Utopien für Realisten

Wenn man wissen möchte, was gerade passiert, aus ökonomischer Sicht, was die Welt die letzten Jahrhunderte unternommen hat, welche Studien und Experimente durchgeführt wurden, dann ist dieses Buch absolute Pflichtlektüre. Sehr sympathisch ist auch das Eingeständnis von Bregman selbst zu seiner eigenen kognitiven Dissonanz und wie er dazustehen würde, wenn jemand seine Thesen widerlegen und ihm Fakten die seine Theorie nicht unterstützen, aufzeigen würde. Das macht seine Schilderungen wesentlich greifbarer, menschlicher und weniger belehrend. Ein Buch unserer Zeit.

Daher würde ich diese Lektüre für Schulen vorschlagen. Denn auch in diesem Punkt stimme ich mit dem Autor überein: „Wenn es einen Ort gibt, an dem wir Eingriffe vornehmen können, die sich langfristig für die Gesellschaft lohnen werden, ist es die Schule.“ Hier werden Grundsteine für viele Dinge gelegt und zu oft hängt es vom jeweiligen Lehrer und dessen Einstellung ab, was wichtig ist. Auch die Schulfächer bereiten nicht auf das Leben vor. Am Ende muss ich allerdings sagen, dass ich dieser Buchbesprechung sicherlich noch mehr Zeichen hätte geben wollen, aber das den Rahmen sprengen würde. Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Überblick geben und dem Buch etwas gerecht werden. Es gibt so viele gute Gedanken und spannende Debatten, die über dieses Buch hinaus gehalten werden sollten und ich bin der festen Überzeugung, dass es auch dazu beitragen wird. Wer mehr zu dem Buch wissen möchte, kann mich gern kontaktieren und ansonsten heißt es wohl, selbst lesen.
(Visited 119 times, 1 visits today)

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.